Europäisches Widescreen-Standard 1.66:1, seit 1960ern europäisches Kino-Standard. Mittelweg zwischen klassischem Academy und extremem Cinemascope. Oft als 5:3-Format bezeichnet.
Berühmte Beispiele · Europäisches Breitbildformat / 1.66:1
8½
Fellinis Meisterwerk wurde im 1.66:1-Format gedreht und zeigt, wie das europäische Breitbild genug Raum für surreale Traumsequenzen bietet, ohne die Intimität des Bildraums zu verlieren.
Der Himmel über Berlin
Wenders und Alekan nutzten das 1.66:1-Format, um die geteilte Stadt Berlin in einem Bildverhältnis einzufangen, das weder zu eng noch zu panoramisch wirkt – ein typisch europäischer Mittelweg.
La Pianiste
Haneke und Berger setzten das 1.66:1-Format ein, um die klaustrophobische Enge des Kammerspiels mit der horizontalen Spannung des Breitbilds zu verbinden – ein Paradox, das das europäische Format ermöglicht.
Toni Erdmann
Maren Ades preisgekröntes Werk wurde im 1.66:1-Format gedreht und belegt, dass dieser europäische Standard auch im zeitgenössischen Autorenkino lebendig bleibt und Raum für nuancierte Figurenbeziehungen schafft.
Filmstills bezogen über die TMDB API. Dieses Produkt nutzt die TMDB API, ist aber nicht von TMDB unterstützt oder zertifiziert. themoviedb.org ›
Geschichte
Das 1.66:1-Format wurde ab den späten 1950ern / frühen 1960ern als europäischer Standard etabliert. Es war eine Reaktion auf die Widescreen-Revolution (Cinemascope ab 1953), aber mit europäischer Zurückhaltung.
Entwicklungskontext:
- 1953: Cinemascope (2.35:1) wird in USA eingeführt
- 1958-1960: Europa entwickelt eigenständige Widescreen-Standards
- 1960: 1.66:1 wird als europäischer Standard adoptiert
- 1963: DIN-Standard für 1.66:1 in Deutschland und Europa
- 1960-1990: Hauptstandard für europäische Kinosäle
- 1988: Graduelle Verschiebung zu 1.85:1 (amerikanisch) und später 2.35:1
Warum 1.66:1 in Europa?
- Weniger extrem als amerikanisches Cinemascope
- Behielt vertikale Bildkomposition bei
- Günstiger als komplexe Anamorphic-Technik
- Einfache optische Realisierung auf 35mm
- Passte zu europäischen ästhetischen Vorstellungen
Technische Details
Bildformat-Spezifikationen:
- Seitenverhältnis: 1.66:1 (exakt: 5:3)
- Alternativname: 5:3 Widescreen
- Filmstandard: 35mm (sphärisch, nicht-anamorphic)
- Bildbereich: ~21 × 12.7mm auf 35mm
- Projektion: Optische Beschneidung des 1.33:1-Bildes
- Standardauflösung (digital): ~1920 × 1152 Pixel (entspricht DCI-Maßstäben)
Verwirklichung:
- Sphärische Linsen (nicht-anamorphic)
- Beschneidung des oberen und unteren Bildrandes
- Perforation: Standard 4-Perf 35mm
Projektor-Standard:
- 1.66:1-Öffnung im Projektor
- Leinwand-Format: Breite zu Höhe = 1.66:1
- Typische Leinwandgrößen: 7.5m × 4.5m, 12m × 7.2m
Verwendung Heute
Das 1.66:1-Format ist im modernen Kino weitgehend durch 1.85:1 und 2.35:1 ersetzt, wird aber noch verwendet:
Regionale Nutzung:
- Indien: Weiterhin Widescreen-Standard
- Osteuropa: Gelegentliche Nutzung in Arthouse-Kinos
- Festivals: Gelegentliche Wiederaufführung klassischer Filme
Aktuelle Produktionen:
- Praktisch keine neuen Mainstream-Filme mehr
- Gelegentlich in europäischem Independent-Kino
- Bewusst nostalgisches Revisiting als künstlerische Wahl
Warum die Ablösung:
- 1.85:1 bot mehr Breite, kam aber den Sälen zugute
- Digitalisierung ermöglichte flexible Formate
- Globalisierung standardisierte auf amerikanische 1.85:1 und 2.35:1
- 1.66:1 als "veraltetes Mittelding" wahrgenommen
Vergleich: Europäisch vs. Amerikanisch vs. Asiatisch
| Standard | Ratio | Region | Kinoära | Charakteristik |
|---|---|---|---|---|
| 1.33:1 | Academy | USA/Global | 1932-1980 | Klassisch, quadratisch |
| 1.66:1 | European | Europa | 1960-1995 | Ausgewogen, künstlerisch |
| 1.85:1 | American | USA/Global | 1970-heute | Moderner Standard |
| 2.35:1 | Cinemascope | Epic/Global | 1953-heute | Extremes Widescreen |
| 2.20:1 | Panavision | Alternativ | 1970-heute | Premium-Widescreen |
Technische Unterschiede:
| Aspekt | 1.66:1 | 1.85:1 | 2.35:1 |
|---|---|---|---|
| Höhe zu Breite | 60% | 54% | 43% |
| Filmnutzung | Voll 35mm | Voll 35mm | Anamorphic/VistaVision |
| Projektion | Sphärisch | Sphärisch | Anamorphic-Dekompress |
| Licht-Effizienz | Höher | Mittel | Niedriger (Anamorphic) |
| Trend-Richtung | Abnehmend | Abnehmend | Zunehmend |
Historische Beispiele
Berühmte Filme in 1.66:1:
- "8½" (Federico Fellini, 1963)
- "Das achte Gebot" (1965)
- "Der Pate" (Francis Ford Coppola, 1972) - ursprünglich 1.66:1 in Europa
- "Der Name der Rose" (Jean-Jacques Annaud, 1986)
- Viele europäische Klassiker der 1960-1980er Jahre
(Hinweis: Viele dieser Filme wurden später in verschiedenen Ratios re-released)
Warum das Format Sinn Macht
Für Filmemacher:
- Natürliches Mittelmaß zwischen Intimität und Breite
- Europäische Ästhetik: weniger "Spektakel", mehr "Wahrheit"
- Bessere Komposition für psychologische Dramen
- Effiziente Filmstreifen-Nutzung
Für Zuschauer:
- Weniger radikale Breitenverzerrung als Cinemascope
- Immersiver als Academy-Standard
- Natürlich für Menschen-zentrierte Geschichten
- Vertikaler Raum für Schauplätze und Umgebung
Digitale Äquivalente
Modernen digitalen Produktionen, die 1.66:1 simulieren möchten:
- Beschneidung von 16:9 (1.78:1) auf 1.66:1
- DCI 2K: 2048 × 1232 Pixel (genaue 1.66:1)
- DCI 4K: 4096 × 2464 Pixel (genaue 1.66:1)
Weitere Informationen
Standards und Dokumentation:
- DIN 15614: Deutsches Kino-Standard
- ISO 326: International Standards Organization
- SMPTE RP 228: Academy Standards
Verwandte Einträge:
- Academy Ratio (1.33:1)
- Academy Sound Ratio (1.37:1)
- American Standard (1.85:1)
- Cinemascope (2.35:1)