Europäisches Widescreen-Standard 1.66:1, seit 1960ern europäisches Kino-Standard. Mittelweg zwischen klassischem Academy und extremem Cinemascope. Oft als 5:3-Format bezeichnet.
Geschichte
Das 1.66:1-Format wurde ab den späten 1950ern / frühen 1960ern als europäischer Standard etabliert. Es war eine Reaktion auf die Widescreen-Revolution (Cinemascope ab 1953), aber mit europäischer Zurückhaltung.
Entwicklungskontext:
- 1953: Cinemascope (2.35:1) wird in USA eingeführt
- 1958-1960: Europa entwickelt eigenständige Widescreen-Standards
- 1960: 1.66:1 wird als europäischer Standard adoptiert
- 1963: DIN-Standard für 1.66:1 in Deutschland und Europa
- 1960-1990: Hauptstandard für europäische Kinosäle
- 1988: Graduelle Verschiebung zu 1.85:1 (amerikanisch) und später 2.35:1
Warum 1.66:1 in Europa?
- Weniger extrem als amerikanisches Cinemascope
- Behielt vertikale Bildkomposition bei
- Günstiger als komplexe Anamorphic-Technik
- Einfache optische Realisierung auf 35mm
- Passte zu europäischen ästhetischen Vorstellungen
Technische Details
Bildformat-Spezifikationen:
- Seitenverhältnis: 1.66:1 (exakt: 5:3)
- Alternativname: 5:3 Widescreen
- Filmstandard: 35mm (sphärisch, nicht-anamorphic)
- Bildbereich: ~21 × 12.7mm auf 35mm
- Projektion: Optische Beschneidung des 1.33:1-Bildes
- Standardauflösung (digital): ~1920 × 1152 Pixel (entspricht DCI-Maßstäben)
Verwirklichung:
- Sphärische Linsen (nicht-anamorphic)
- Beschneidung des oberen und unteren Bildrandes
- Perforation: Standard 4-Perf 35mm
Projektor-Standard:
- 1.66:1-Öffnung im Projektor
- Leinwand-Format: Breite zu Höhe = 1.66:1
- Typische Leinwandgrößen: 7.5m × 4.5m, 12m × 7.2m
Verwendung Heute
Das 1.66:1-Format ist im modernen Kino weitgehend durch 1.85:1 und 2.35:1 ersetzt, wird aber noch verwendet:
Regionale Nutzung:
- Indien: Weiterhin Widescreen-Standard
- Osteuropa: Gelegentliche Nutzung in Arthouse-Kinos
- Festivals: Gelegentliche Wiederaufführung klassischer Filme
Aktuelle Produktionen:
- Praktisch keine neuen Mainstream-Filme mehr
- Gelegentlich in europäischem Independent-Kino
- Bewusst nostalgisches Revisiting als künstlerische Wahl
Warum die Ablösung:
- 1.85:1 bot mehr Breite, kam aber den Sälen zugute
- Digitalisierung ermöglichte flexible Formate
- Globalisierung standardisierte auf amerikanische 1.85:1 und 2.35:1
- 1.66:1 als "veraltetes Mittelding" wahrgenommen
Vergleich: Europäisch vs. Amerikanisch vs. Asiatisch
| Standard | Ratio | Region | Kinoära | Charakteristik |
|---|---|---|---|---|
| 1.33:1 | Academy | USA/Global | 1932-1980 | Klassisch, quadratisch |
| 1.66:1 | European | Europa | 1960-1995 | Ausgewogen, künstlerisch |
| 1.85:1 | American | USA/Global | 1970-heute | Moderner Standard |
| 2.35:1 | Cinemascope | Epic/Global | 1953-heute | Extremes Widescreen |
| 2.20:1 | Panavision | Alternativ | 1970-heute | Premium-Widescreen |
Technische Unterschiede:
| Aspekt | 1.66:1 | 1.85:1 | 2.35:1 |
|---|---|---|---|
| Höhe zu Breite | 60% | 54% | 43% |
| Filmnutzung | Voll 35mm | Voll 35mm | Anamorphic/VistaVision |
| Projektion | Sphärisch | Sphärisch | Anamorphic-Dekompress |
| Licht-Effizienz | Höher | Mittel | Niedriger (Anamorphic) |
| Trend-Richtung | Abnehmend | Abnehmend | Zunehmend |
Historische Beispiele
Berühmte Filme in 1.66:1:
- "8½" (Federico Fellini, 1963)
- "Das achte Gebot" (1965)
- "Der Pate" (Francis Ford Coppola, 1972) - ursprünglich 1.66:1 in Europa
- "Der Name der Rose" (Jean-Jacques Annaud, 1986)
- Viele europäische Klassiker der 1960-1980er Jahre
(Hinweis: Viele dieser Filme wurden später in verschiedenen Ratios re-released)
Warum das Format Sinn Macht
Für Filmemacher:
- Natürliches Mittelmaß zwischen Intimität und Breite
- Europäische Ästhetik: weniger "Spektakel", mehr "Wahrheit"
- Bessere Komposition für psychologische Dramen
- Effiziente Filmstreifen-Nutzung
Für Zuschauer:
- Weniger radikale Breitenverzerrung als Cinemascope
- Immersiver als Academy-Standard
- Natürlich für Menschen-zentrierte Geschichten
- Vertikaler Raum für Schauplätze und Umgebung
Digitale Äquivalente
Modernen digitalen Produktionen, die 1.66:1 simulieren möchten:
- Beschneidung von 16:9 (1.78:1) auf 1.66:1
- DCI 2K: 2048 × 1232 Pixel (genaue 1.66:1)
- DCI 4K: 4096 × 2464 Pixel (genaue 1.66:1)
Weitere Informationen
Standards und Dokumentation:
- DIN 15614: Deutsches Kino-Standard
- ISO 326: International Standards Organization
- SMPTE RP 228: Academy Standards
Verwandte Einträge:
- Academy Ratio (1.33:1)
- Academy Sound Ratio (1.37:1)
- American Standard (1.85:1)
- Cinemascope (2.35:1)