Ein Objektivsystem, das ein breites Bild auf einen Standard-Sensor komprimiert und bei der Projektion wieder entzerrt – bekannt für seinen charakteristischen Look.
Technische Details
Anamorphe Objektive verwenden zylindrische Linsenelemente, die das Bild horizontal um den Faktor 2:1 komprimieren. Standard-Brennweiten reichen von 25mm bis 200mm, wobei die horizontale Kompression bei allen Brennweiten konstant bleibt. Die Lichtstärke liegt typisch zwischen T2.8 und T4, bedingt durch die komplexe Linsenkonstruktion. Moderne anamorphe Objektive wie die Cooke Anamorphic/i Serie oder ARRI Master Anamorphic verwenden 8-12 Linsenelemente in asymmetrischer Anordnung. Die charakteristischen horizontalen Lens Flares entstehen durch die zylindrischen Elemente, die Licht anders brechen als sphärische Linsen.
Geschichte & Entwicklung
Henri Chrétien entwickelte 1926 das Hypergonar-System für militärische Periskope. 20th Century Fox erwarb 1952 die Rechte und führte das System als CinemaScope mit "The Robe" (1953) ein. Panavision perfektionierte ab 1954 die Technik mit ihren Ultra Panavision und Super Panavision Systemen. In den 1960ern etablierten sich 35mm-anamorphe Produktionen als Hollywood-Standard für Blockbuster. Digital-Kamerahersteller wie RED und ARRI integrierten ab 2007 anamorphe De-Squeeze-Modi in ihre Systeme, wodurch Live-Monitoring in korrektem Seitenverhältnis möglich wurde.
Praxiseinsatz im Film
"Lawrence of Arabia" (1962), "Alien" (1979) und "Blade Runner 2049" (2017) demonstrieren die cineastische Wirkung anamorpher Optiken. Der Workflow erfordert spezialisierte Kamera-Assistenten, da die Schärfentiefe geringer ausfällt und Focus Pulling präziser erfolgen muss. In der Postproduktion wird das Material mit 2:1-Faktor horizontal gestreckt. Moderne digitale Workflows nutzen 4K-Aufnahmen im 2048x858-Format, das auf 4096x1716 Pixel entzerrt wird. Netflix und andere Streaminganbieter verlangen zunehmend anamorphe Produktionen für Prestigeprojekte.
Vergleich & Alternativen
Sphärische Objektive mit anschließendem Cropping erreichen 2,35:1, verlieren aber Auflösung und die charakteristische anamorphe Optik. Super 35mm mit sphärischen Objektiven nutzt die volle Sensorbreite effizienter, verzichtet aber auf die typischen Bokeh- und Flare-Eigenschaften. Moderne 1.25x-anamorphe Adapter wie der SLR Magic Anamorphot bieten einen Kompromiss für kleinere Produktionen. IMAX verwendet horizontale 65mm-Formate statt anamorphe Kompression für maximale Auflösung.
Aktuelles
Panavision nutzt für ihre anamorphotischen Objektivserien ein proprietäres PV-Mount-System, das sich vom Standard-PL-Mount durch einen zusätzlichen Indexierungspin am unteren Flansch unterscheidet. Bei der Anmietung von Panavision-Objektiven wird die Kamera entsprechend mit dem passenden PV-Mount ausgerüstet. Diese technische Besonderheit unterstreicht Panavisions marktbeherrschende Stellung im Bereich hochwertiger anamorphotischer Optiken.
Aktuelles
LOMO Anamorphic Square Front Objektive erleben aktuell verstärkte Aufmerksamkeit bei Verleihfirmen und Cinematographen. Diese sowjetischen Vintage-Objektive mit 2x Kompressionsfaktor bieten einen charakteristischen Look und werden als gebrauchte Sets für professionelle Produktionen angeboten. Besonders das Foton-A 37-140mm T4.4 Modell wird als vielseitige Option für anamorphe Aufnahmen diskutiert.
Aktuelles
In der aktuellen Praxis nutzen Filmemacher zunehmend flexible Extraktionsmethoden bei anamorphotischen Aufnahmen. Moderne Kameras ermöglichen es, 2x anamorphotische Linsen auch auf Standard-16:9-Sensoren zu verwenden, indem nur ein 6:5-Ausschnitt des Sensors genutzt und der Rest verworfen wird. Gleichzeitig suchen Low-Budget-Produktionen nach kostengünstigeren Alternativen zu Premium-Anamorphotik-Systemen wie den Panavision Primos, etwa durch Kombinationen herkömmlicher Objektive mit speziellen Streak-Filtern.