Grobe Kalkulation von Budget, Zeit oder technischen Parametern ohne exakte Messung — unvermeidlich in der Vorproduktion. Wird später präzisiert oder korrigiert.
Du sitzt in der Vorproduktion, die Location ist noch nicht scout, die Crew-Grösse steht nicht fest, und die Produktionsleitung fragt dich nach deinem Equipment-Budget für fünf Drehtage in einem unbekannten Studio. Du machst einen Schätzwert — weil du rechnen musst, obwohl die Hälfte der Parameter fehlt. Das ist keine Ungenauigkeit, das ist Handwerk. Ein Schätzwert ist die kontrollierte Spekulation, die Produktion überhaupt erst ins Rollen bringt.
In der Praxis funktioniert das so: Du nimmst vergleichbare Projekte aus deinem Erfahrungsschatz, addierst einen Sicherheitspuffer (üblicherweise 15–25 %), und gibst eine Zahl ab, die du später korrigieren kannst. Bei Drehtagen schätzt du Licht-Setup-Zeit nicht anhand von Datenblättern, sondern: Wie lange habe ich für ähnliche Szenen gebraucht? Bei technischen Vorgaben — Auflösung, Framerate, Farbtiefe — schätzt du ebenfalls: Was ist der Mindeststandard für diesen Stoff, was verträgt das Budget? Ein Schätzwert ist also kein Schuss ins Dunkle, sondern erfahrungsgestützte Vorhersage unter Unsicherheit. Der Unterschied zu präzisen Kalkulationen ist zeitlich und informativ: Schätzwerte entstehen mit 40 % der verfügbaren Infos, Finalkalkulationen mit 90 %. Beide sind legitim, solange klar ist, welche Phase gerade läuft.
Am Set passiert es ständig: Der Regisseur ändert eine Szene, und du musst schnell schätzen, ob dein Licht-Setup noch passt oder du umbauen musst. Hier wird der Schätzwert zur Live-Entscheidungshilfe — du brauchst keine Messung, du brauchst Tempo. In der Post-Produktion schätzt du ähnlich: Wie lange wird der Farbkorrektions-Workflow dauern, ohne alle Takes schon gesichtet zu haben? Der Produzent braucht eine Zahl für den Schnitt-Termin.
Das Wichtigste: Dokumentiere deinen Schätzwert mit den Annahmen, die dahinterstecken. Schreib nicht nur «Budget: 50.000 €», sondern «50.000 € für Licht + Grip bei 4 Drehtagen, 8-köpfiges Team, Studio-Interior, basierend auf Projekt X (2023)». So wird dein Schätzwert transparent und lässt sich später nachvollziehen, wenn er korrigiert werden muss. Das unterscheidet professionelle Schätzung von reinem Raten.