Godard und Miéville 1969–1973 — kollektive Filmpraxis statt Auteur, Video statt 35mm, Zuschauer als Produzent. Politkino ohne Mittelsmänner.
Ende der Sechziger Jahre brach Godard mit dem Kino-Apparat, den er selbst mitgeprägt hatte. Zusammen mit Anne-Marie Miéville gründete er 1969 die Groupe Dziga Vertov — ein Name als Programm, benannt nach dem sowjetischen Montage-Theoretiker. Was folgte, war keine Rückkehr zur Auteur-Politik, sondern deren radikale Negation: Das Kino des Volkes stellte die kollektive Filmpraxis gegen die bürgerliche Autorschaft, die Videokamera gegen die 35mm-Rolle, den Zuschauer gegen den Konsumenten.
Praktisch funktionierte das so: Godard und Miéville drehten mit tragbaren Kameras — Panasonic AK-100, später VTR-Geräte — nicht aus ästhetischem Minimalismus, sondern aus politischer Notwendigkeit. 16mm und Video waren das Gegenprogramm zum Studio, zur Industrie, zur Vermittlung durch Verleih und Kino-Apparat. Der Schnitt wurde zur Montage umgedeutet: nicht Kontinuität, sondern Reibung. Die Bilder sprachen nicht zu den Zuschauern, sondern sie sollten mit dem Material arbeiten, Bedeutung selbst produzieren. Das Publikum wurde vom passiven Empfänger zur aktiven Kraft — eine materialistisch gedachte Kinopraxis.
Filme wie Vent d'Est (1970) oder Tout va bien (1972) sind keine Werke im klassischen Sinne. Sie sind Interventionen, Diskussionsmaterialien, Werkzeuge für kollektive Analyse. Der Text läuft dem Bild zuwider, Ton und Bild sind entkoppelt — nicht als formales Experiment, sondern als Methode, das naive Vertrauen in die Repräsentation zu zerstören. Wer sieht, wird nicht belogen. Wer montiert, wird Kameramann und Kritiker zugleich.
Die Gruppe löste sich auf, die Videos sind heute teilweise verloren oder fragmentarisch erhalten — was auch das war: ein Widerstand gegen die Archivierung durch Institution und Kommerz. Das Kino des Volkes lebte nicht in den Museen weiter, sondern in der Praxis von Video-Aktivisten, Community-Filmern und später in den Werkstatt-Ansätzen des Expanded Cinema. Godard selbst kehrte nie zu dieser Position zurück, doch die Frage, die sie stellte, blieb: Für wen filmen wir? Und wer filmt?