Schweizer Filmwelle ab Mitte der 1960er — kleine Produktionen mit dokumentarischem Blick auf Alltag und Gesellschaft, oft Autodidakten. Rund & Tanner, Alain Tanner, Beineix als Referenzen.
Mitte der 1960er Jahre entstand in der Schweiz eine Filmbewegung, die mit den etablierten Studio-Konventionen brach. Kleine Teams, oft ohne formale Ausbildung, griffen zu 16mm-Kameras und bearbeiteten ihre unmittelbare Umgebung — Fabriken, Wohnviertel, Bahnhöfe, Büros. Nicht Drama um der Drama willen, sondern das genaue Hinschauen auf das, was ist. Diese Neugier auf den Alltag als Material war radikal in einer Zeit, als Schweizer Kino vornehmlich Heimatfilm oder Kitsch produzierte.
Was diese Welle zusammenhielt, war weniger ein Manifest als eine gemeinsame Ungeduld. Alain Tanner etwa — später international bekannt — arbeitete zunächst als Assistent und Dokumentarist, bevor er mit Spielfilmen die poetische Schärfe des Doku-Blicks bewahrte. Rund & Tanner (der Duo-Name ist Programm) drehten mit minimalstem Budget und maximaler Aufmerksamkeit für soziologische Details. Sie arbeiteten oft in Echtorten, mit echten Akteuren statt Schauspielern — eine Strategie, die weniger mit Ressourcenmangel als mit ästhetischer Überzeugung zu tun hatte. Der 16mm-Film war kein Notbehelf, sondern Werkzeug für Unmittelbarkeit.
Für Kameramänner dieser Phase galt ein anderes Regelwerk: Nicht die perfekte Ausleuchtung, sondern die ehrliche Lichtsituation. Handheld-Arbeiten ohne Stabilisierung waren Standard — nicht als Gimmick, sondern weil die Kamera mitdenken, folgen, beobachten sollte wie ein Auge. Schnitte waren oft unglamourös, Sprünge bewusst. Das Tempo kam aus der Montage, nicht aus schneller Musik. Sound Design war spartanisch — Atmo, O-Ton, sparsame Musik. Diese Askese hat bis heute eine Wirkung: Wenn man Schweizer Produktionen aus den 1970ern anschaut, haben sie eine visuelle und akustische Klarheit bewahrt, die Luxus-Produktionen manchmal fehlt.
Der Neue Schweizerfilm war nicht nur regional: Er beeinflusste europäisches Kino nachhaltig — der Neorealismus hatte einen neuen, kühleren Verwandten bekommen. Autodidakten wie diese lehrten eine Generation, dass formale Ausbildung nicht garantiert, wer sehen kann. Und dass Ökonomie manchmal Ästhetik schärft statt zu beschneiden. Wer heute mit kleinerem Budget arbeitet, profitiert von dieser unbewussten Lehrzeit — diese Genauigkeit im Beobachten ist nicht Mangelerscheinung, sie ist Methode.