Mehrere Bilder auf einem Frame belichtet — ohne Schnitt, direkt in der Kamera. Erzeugt Überlagerungen, Geisterbilder, psychologische Effekte.
Du belichtest denselben Frame mehrfach hintereinander — ohne die Kassette zu wechseln, ohne zu schneiden. Jede Belichtung addiert sich optisch zur vorherigen. Das Ergebnis: Geisterbilder, transparente Überlagerungen, Effekte, die wirken, als würde eine zweite Realität durch die erste scheinen. Klassisches Handwerk, nicht Postproduktion. Die Kontrolle liegt komplett in deiner Hand — und erfordert präzises Denken vor dem Drehen.
Praktisch funktioniert es so: Du stellst die Belichtung für jeden Take neu ein. Filmst du eine Person zweimal auf demselben Negativstreifen, muss jede Belichtung etwa die Hälfte der normalen Lichtwerte haben — sonst wird das Bild überbelichtet und unlesbar. Bei drei Überlagern entsprechend ein Drittel pro Take. Moderne digitale Kameras haben oft eine native Multi-Exposure-Funktion im Menü — du shootest die Takes, die Elektronik rechnet die Belichtungswerte ineinander. Bei analogem Film brauchst du das Fade-In/Fade-Out-System: Die Irisblende dimmst du zwischen den Takes nach, sodass jede neue Schicht an genau den richtigen Stellen zum Vorschein kommt.
Die psychologische Wirkung ist das Kerngeschäft: Eine Person sitzt neben sich selbst im selben Raum — nicht durch VFX, sondern weil die Kamera sie zweimal fotografiert hat. Das schafft eine gespenstische, zeitlose Qualität. Doppelgänger-Szenen, innere Konflikte sichtbar gemacht, Erinnerungen die wie Echos durchs Bild wabern — alles ohne Montage. Vorsicht: Jede Bewegung zwischen den Takes muss choreographiert sein. Wenn die erste Person eine Hand hebt und die zweite aufsteht, entsteht Unklarheit statt Effekt.
Im Schnitt verlierst du die Kontrolle. Deshalb musst du die Mehrfachbelichtung komplett am Set durchdenken: Welche Bewegungen passen zusammen? Wie hell wird jede Ebene? Probe-Polaroids sind dein bester Freund — oder die Histogram-Funktion der digitalen Kamera. Ein klassisches Beispiel: Orson Welles' Citizen Kane nutzte das Verfahren für psychologische Szenen. Heute sieht man es in Art-House-Filmen, in Musik-Videos, überall dort, wo es um Verdoppelung von Gefühl geht — nicht um technische Trickserei, sondern um ästhetische Wahrheit.