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120 fps
Kamera · Technik

120 fps

frame rateslow motionhigh speed camera · 6 verwandte Begriffe
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frame rateslow motionhigh speed camera240 fps60 fpsshutter angle

High frame rate acquisition at 120 frames per second enabling dramatic slow-motion playback at 5x deceleration (at 24fps timeline), requiring doubled lighting, storage bandwidth, and careful motion planning.

Definition & Grundlagen

120 fps (120 Frames Per Second / 120 Bilder pro Sekunde) ist eine hochfrequente Aufnahmerate, die zur Aufzeichnung von Bewegung mit extremer Detailfülle verwendet wird. Bei Wiedergabe auf einer Standard-24fps oder 25fps-Timeline entsteht Slow-Motion mit exakter 5facher Verzögerung (120÷24=5), was dem Publikum ermöglicht, schnelle Bewegungsabläufe in allen Details zu verfolgen.

120 fps wird primär in drei Kontexten eingesetzt:

  1. Dramatische Zeitlupe – Filmische Effekte für emotionale oder Action-Momente
  2. Technische Analyse – Detaillierte Bewegungsstudien für Choreografie oder Effekte
  3. Variable Frame Rate (VFR) Hybrid-Workflows – Schnelle Schnitte zwischen Normal- und Slow-Motion

Technische Anforderungen

Kamera-Hardware:

  • Minimale Anforderung: 1/120 sec Shutter-Öffnung (bei 180° Shutter Angle)
  • Praktische Shutter-Linie: 1/240 sec (90° Shutter bei 120fps) oder 1/180 sec
  • Rolling Shutter-Fenster: ~8,3ms pro Zeile (nur bei CMOS-Sensoren relevant)
  • Sensor-Read-Out Speed: Mindestens 2000 fps effektive Bandbreite erforderlich

Kameras mit nativer 120fps-Kapazität:

  • Sony FX30 / FX3 (4K @ 120fps über firmware update)
  • Blackmagic Pocket Cinema 4K / 6K (6K @ 50fps Basis, 4K @ 120fps)
  • Canon EOS R5C (4K @ 120fps in DCI-4K-Modus)
  • Panasonic Lumix S1H (4K @ 120fps firmware upgrade)
  • RED Komodo (6K @ 120fps nativ)

Sensor-limitierte Auflösungen:

  • 4K @ 120fps: Reduzierte Sensorfläche (crop) bei den meisten Kameras
  • HD @ 120fps: Vollständig verfügbar auf allen modernen Kameras
  • DCI 4K @ 120fps: Standard bei Cinema-Kameras (RED, Blackmagic)

Lichttechnische Anforderungen

Belichtungs-Herausforderung:
Die Shutter-Öffnung ist bei 120fps doppelt so kurz wie bei 60fps (oder 4x kürzer als bei Standard 24fps):

Frame RateStandard ShutterBlenden-Äquivalent Licht
24fps (180°)1/48 secBasis = 1x
60fps (180°)1/120 sec-2 EV (1/4 des Lichts)
120fps (180°)1/240 sec-2 EV (1/4 des Lichts vs. 24fps)
120fps (90°)1/480 sec-3 EV (1/8 des Lichts)

Praktische Konsequenzen:

  • Verdopplung der Lichtstärke nötig: 12k HMI statt 6k HMI für vergleichbare Außenaufnahmen
  • Größere Blendenöffnung: T2.0 statt T2.8 erforderlich (Schärfentiefe-Herausforderung)
  • High-Speed-ND-Filter: Variable ND empfohlen (verhindert Blenden-Tiefenschärfe-Probleme)
  • Strobelose LED-Panels: Flicker-freie Beleuchtung zwingend erforderlich

Lichtszenario-Beispiel (Sony FX30, 4K @ 120fps, 90° Shutter):

  • Interior Scene: ~4000 Lux erforderlich (statt ~500 Lux für 24fps)
  • Exterior Daytime: ISO 500+ erforderlich oder ND-Filter entfernt
  • Golden Hour Sunset: Unmöglich mit Standard-Objektiven, 35mm SLR-Speed oder bessere erforderlich

Bewegungs-Planung & Choreografie

Motion Design Prinzipien bei 120fps:

  1. Schnelle Bewegungen werden verständlich – Vorteil
  • Explosion: Staubpartikel sichtbar
  • Water Splash: Einzelne Wassertropfen verfolgt
  • Glasbruch: Geometrie des Bruchs erkennbar
  1. Langsame Bewegungen wirken übertrieben – Potenzielle Fallstricke
  • Schauspielerbewegung: Raumgreifende Gesten erforderlich
  • Kamerabewegung: Pan-Speed 3-5° pro Sekunde wirkt normal (normal 15-20°/sec)
  • Zahlenbewegungen (Finger, Augen): Müssen "großzügiger" sein

Schauspieler-Briefing:

  • "Bewegungen 50% größer/ausholender choreografieren"
  • Fokus-Puller: "+15-20% Toleranzbereich bei Schärfentiefe-Fehlern sichtbar"
  • Schnittabteilung: "Zeitlupen-Sequenzen brauchen 2-3x längere Schneidenachteile"

Speicher- & Daten-Anforderungen

Bandbreite-Verdopplung:

Codec4K @ 24fps4K @ 120fpsSpeed-Faktor
ProRes 422 HQ2.5 Gbps12.5 Gbps5x
RAW 12-bit3.2 Gbps16 Gbps5x
H.264 (High Bitrate)200 Mbps1000 Mbps5x

Speicher-Lebensdauer bei 1 Stunde Dreh:

  • 4K ProRes 422 @ 120fps: ~900 GB SSD erforderlich
  • 6K DCI @ 120fps (RED): ~1.2 TB SSD erforderlich
  • HD @ 120fps (Backup): ~180 GB SSD

Empfohlene Speicher-Hardware:

  • Primary Recorder: Blackmagic Video Assist Pro mit Thunderbolt SSD (R7 SSD 1TB = 850€)
  • Backup: Zwei parallele SSDs für Daten-Sicherung während Draußen-Arbeit
  • Archive: Nach Drehtag: LTO-7 Tape oder Redundante HDD-Archivierung

Schnitt & Post-Production

Timeline-Handling:

  • Schnittsequenz bleibt Standard 24fps
  • 120fps Material wird auf 24fps Timeline mit "60%" Geschwindigkeit eingeplant (ergibt 5x Slow-Motion)
  • Alternativ: 48fps Timeline für "natürlichere" Zeitlupe (120fps @ 40% = 2,5x Verzögerung)

Farb-Grading Komplexität:

  • Sensor Noise: Bei hoher ISO (400-1600) für 120fps nötig → Noise bei 5x Zeitlupe sichtbarer
  • Flicker-Artefakte: LED-Panel-Flicker (Strobe) wird bei Zeitlupe zu Banding-Artefakten
  • Motion Blur Artefakte: Wenn Original-Motion-Blur zu gering (schnelle Shutter), wirkt Slow-Motion "gehackt"

DaVinci-Render-Zeit:

  • 120fps RAW-Gradierung: ~5x längere Exportzeit als 24fps
  • Cache-Anforderung: +2.5 TB RAID-Speicher für komplexe Nesting-Arbeiten

Praktische Einsatzszenarien

Action-Sequenzen:

  • Autocrash: 120fps für Aufprall-Details
  • Schusswaffeneffekte: Patronenhülsen-Flugbahn
  • Explosion & Feuer: Flammen-Geometrie in allen Details
  • Kick/Punch/Impact: Fight-Choreografie lesbar machen

Charakterisierung & Emotion:

  • Tränen-Moment: Tränen-Film über Wange sichtbar
  • Lachen: Zahnstellung, Mundwinkel-Details zeigen "echtes" Lachen
  • Lidschlag: Emotionales Blinken erkennbar
  • Haarfluss: Windeffekte dramatisiert

Technische/Spezialeinsätze:

  • Hochgeschwindigkeits-Vorgänge sichtbar machen (Flügelschlag, Propeller)
  • Color-Science-Tests (wie ändert Farbe sich bei langsamen Bewegungen?)
  • Focus-Breathing Analyse (Linsenbehavior unter Fokus-Pull)

Häufige Fehler & Lösungen

FehlerUrsacheLösung
Graniges/Noisy VideoZu wenig Licht → hohe ISO+2-4 zusätzliche Leuchten, ND-Filter reduzieren
"Gehacktes" Slow-MoZu schnelle Shutter (Rolling Shutter)Auf ≥90° Shutter Angle wechseln
Bewegung wirkt übertriebenSchauspiel nicht angepasstMotion Coach für Choreografie engagieren
Fokus-Fehler sichtbarSchärfentiefe zu geringTo T4.0 oder besser abblenden
LED-Flicker-BandingNicht-profi LED-PanelsNur Aputure, Kino Flo, or Strand einsetzen
Datenchaos im SchnittKeine FPS-Label in MetadatenNeue Proxies @ 24fps erstellen mit Zeitlupe-Indikation

Vergleich: 60fps vs. 120fps vs. 240fps

Aspekt60fps120fps240fps
Timeline-Verzögerung @ 24fps2.5x5x10x
Lichtstärke-Anforderung-1 EV-2 EV-3 EV
Storage pro Stunde 4K180GB360GB720GB
Shutter-Anforderung1/120s1/240s1/480s
Typische AnwendungSport-HighlightsDrama/EffekteHochgeschwindigkeit
DoP KomplexitätMittelHochSehr Hoch
Typisches Budget-Overhead+20%+40%+80%

Equipment-Checkliste für 120fps-Produktion

Kamera & Optik:

  • [ ] Kamera mit nativer 120fps (FX30, R5C, RED Komodo, BM Pocket 6K)
  • [ ] Objektive T2.0 oder besser (Zeiss Mestre, Cooke Anamorphic)
  • [ ] Variable ND-Filter (Formatt Firecrest HD oder Tiffen Diamond)
  • [ ] Cine-Motorisierter Focus-Servo (höhere Präzision erforderlich)

Beleuchtung:

  • [ ] 4x 6k HMI oder äquivalent LED (Aputure 600Pro, Kino Flo 4Bank)
  • [ ] 2x 2.5k HMI für Fill-Licht
  • [ ] High-Speed Dimmer (flicker-free, mindestens 3kHz PWM)
  • [ ] ND-Filter-Set (1-4 stops) für externe Kontrolle

Speicher & Recorden:

  • [ ] Zwei 1TB Thunderbolt SSDs (für Backup-Redundanz)
  • [ ] Externe SSD-Rack (Sonnet oder Akitio Gehäuse)
  • [ ] Blackmagic Video Assist Pro 7" (für On-Set Monitoring)
  • [ ] LTO-7 Tape oder redundante HDD für Archivierung

Grip & Support:

  • [ ] Stabile Stativ + Fluidkopf (Sachtler FSB4, Miller Compass)
  • [ ] Follow-Focus Servo mit Präzisions-Getriebe
  • [ ] Monitor-Arm mit Gimbal für Fokus-Visualisierung
  • [ ] Cable Management System (Velcro Straps, Snake Cables)

Postproduktion:

  • [ ] DaVinci Resolve Studio (GPU-Acceleration für RAW @ 120fps)
  • [ ] 3-4 TB zusätzlicher RAID Speicher (Cache/Render)
  • [ ] Kalibrierter Referenz-Monitor (für Zeitlupe Bewertung)
  • [ ] Proxy-Workflow-Automation (Resolve Fusion Lite)

Perspektiven der Filmfachleute

Kameramann/Cinematographer:
"Als Kameramann schätze ich 120 fps für die unglaubliche Flexibilität in der Bewegungsdarstellung - jede Geste wird zum visuellen Kunstwerk. Die technische Herausforderung liegt in der deutlich höheren Lichtanforderung (etwa 8.000-12.000 Lux statt 1.500-2.000 Lux bei 24 fps) und der präzisen Fokussierung - da jede Unschärfe in der Zeitlupe gnadenlos sichtbar wird. Ich muss mit High-Speed-Fokus-Systemen arbeiten oder manuell mit extremer Präzision nachziehen. Die Speicherkarten füllen sich schnell - eine Stunde 4K 120 fps braucht 12-15 TB. Ich plane vorab genau, welche Momente 120-fps-würdig sind."

Regisseur:
"Für mich als Regisseur ist 120 fps ein kraftvolles Erzählwerkzeug, um emotionale Höhepunkte zu verstärken oder Action-Sequenzen dramatisch zu inszenieren. Wenn ich 120 fps zur 5x Zeitlupe verlangsame, erlaubt mir das, einem Moment unbegrenzte Zeit zu geben - das Publikum kann jede Nuance erfassen. Ich setze diese Technik sehr gezielt und sparsam ein, da zu häufiger Einsatz den Film gleichmäßig verlangsamt wirken lässt und die emotionale Wirkung verliert. Oft kombiniere ich 24 fps (emotional, intim) mit 120 fps (real, unmittelbar) für maximalen Kontrast."

Colorist:
"120 fps ist die höchste Anforderung in der Grading. Die kristallklare Schärfe bedeutet, dass ich jeden einzelnen Frame perfekt graden muss - kein Verstecken hinter Bewegungsunschärfe. Farbtübergänge müssen frame-by-frame überprüft werden. Sensor-Rauschen wird in der 5x Zeitlupe sichtbarer, weshalb ich mehr Noise-Reduction einsetzen muss. LED-Flicker-Artefakte werden zu Banding-Problemen bei Zeitlupen. Das Material ist extrem anspruchsvoll, lohnt sich aber für die künstlerische Kontrolle - jeder Farbton ist bewusst gewählt."

Produzent:
"Aus Produktionssicht bedeuten 120 fps erheblich höhere Kosten: 5-8x höhere Beleuchtungsausgaben, 5x höhere Speicherkosten, 40-50% längere Post-Production-Zeiten (Rendering, Grading, VFX werden exponentiell komplexer bei dieser Datenmenge). Ich kalkuliere 30-40% mehr Zeit und Budget für 120-fps-Sequenzen ein. Dazu kommt komplexe Speicherinfrastruktur - 12-15 TB pro Stunde Aufnahme erfordert dedizierte Datenverwaltungssysteme und redundante Backups (LTO-Tape oder RAID 6). Aber: Für High-End-Werbefilm, Luxury-Brands und prestige-trächtigen Content ist die visuelle Qualität und künstlerische Kontrollierbarkeit diesen Investment wert."

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